Inputs von Helen Kaplan

 

Photo: Helen Singer Kaplan (Associated Press, 1965)Helen Singer Kaplan (6. Februar 1929 - 17. August 1995) war eine in Wien geborene amerikanische Sexualtherapeutin, Ärztin, Psychoanalytikerin und die Gründerin der ersten Klinik für sexuelle Störungen in den Vereinigten Staaten, der Payne Whitney Clinic des New York Hospital.

Die ausgesprochen talentierte Psychoanalytikerin und wissenschafts-orientierte Sexualtherapeutin rief ein systematisch und groß angelegtes bedeutendes Sexualforschungs- und -Lehrprogramm ins Leben.

Singers zentrale Leistung ist die Erforschung des sexuellen Verlangens, der Störungen des sexuellen Verlangens und die Entwicklung von Behandlungsmethoden für diese Störungen. Ihre Vorgänger Masters und Johnson hatten sich auf Funktionen und Dysfunktionen der Geschlechtsorgane konzentriert. Singer war auf die Idee dazu gekommen, als sie feststellen musste, dass Masters und Johnsons fokussierte Sensualitätsübungen bei einer Reihe von PatientInnen nicht griffen.

„Diese Patienten waren impotent oder litten unter Orgasmusstörungen, hauptsächlich deshalb, weil sie den Geschlechtsakt vollzogen hatten, ohne Lust und Verlangen zu verspüren. Wir wiederum hatten versucht, die sekundären genitalen Dysfunktionen zu behandeln, ohne uns der zugrunde liegenden Appetenzstörung bewusst zu sein.“ 1) Masters und Johnson waren davon ausgegangen, dass Ursache für alle sexuellen Unzulänglichkeiten Leistungsdruck sei – und dafür eignen sich die fokussierten Sensualitätsübungen hervorragend.

Helen Singer begann im prüden Amerika der 60er Jahre und plädierte offen für einen freieren, autonomeren, genussvolleren Umgang mit Sexualität. Für ihre Forschung befragte sie Tausende von Paaren und zeichnete sich hier durch absolute Präzision aus.

Eine wichtige Beobachtung war, dass Patienten, die unter der psychogene bedingten Form verminderter sexueller Appetenz leiden, „ihre sexuelle Empfangsbereitschaft buchstäblich abschalten“, “indem sie sich auf die negativen Qualitäten ihrer Partner konzentrieren und gegenüber ihren attraktiven Merkmalen gewissermaßen blind sind“. Umgekehrt betonen Menschen ohne verminderte sexuelle Appetenz das Positive und vermeiden das Negative, um ihre sexuelle Lust zu steigern.

Als Ursache für Störungen des sexuellen Verlangens diagnostizierte Singer häufiger als bei Menschen mit Anorgasmie, Vaginismus oder Ejaculatio praecox tiefgehende intrapsychische sexuelle Konflikte und Schwierigkeiten innerhalb ihrer Beziehung sowie häufig Persönlichkeitsstörungen.

Daraus ergab sich für Singer die Notwenigkeit, in der Behandlung neue Wege zu gehen. Wie ihre Vorgänger bearbeite sie die zugrunde liegenden Schwierigkeiten und  Konflikte. Parallel dazu entwickelte sie spezifische sexuelle Hausaufgaben, die direkt das sexuelle Verlangen ihrer PatientInnen steigern. Den behaviouralen Ansatz zur Beseitung der Sexualangst hingegen nahm sie zurück.

Es wird „explizites, erotisches Material, die sexuelle Fantasie, Masturbation und verbesserte Methoden der genitalen Stimulation in das Behandlungsmuster aufgenommen.“ Singer spricht mit ihren Patienten in den Sitzungen ausführlich z.B. über deren Praktiken beim Vorspiel und entwickelt dann konkrete Hausaufgaben zur Behebung der Defizite, die sich herauskristallisieren, z.B. für das jeweilige Paar neue Formen von Küssen, Streicheln, Berühren, Verführen, den Einsatz von Spielzeug etc. Außerdem regt sie Veränderungen im täglichen Umgang miteinander an, um ein Klima von Respekt, Aufmerksamkeit und Freundlichkeit zu kreieren, das Grundlage für die Lust aufeinander darstellt.

In der Psychodrama-Sexualtherapie werden die fokussierten Sensualitätsübungen auch dann eingesetzt, wenn die betreffende sexuelle Störung nicht primär durch Leistungsdruck in Bezug auf die Sexualität verursacht wird oder wenn das Paar auf sexuellem Gebiet gut miteinander auskommt, aber z.B. Kommunikationsprobleme hat.

Was verbindet PD Sexualtherapie mit H. Singer Kaplans Ansätzen?

Die PD-Sexualtherapie kombiniert die Bearbeitung der Psychodynamik des Paares mit Übungen für einen Partner aus dem behavioralen Repertoir (z.b. die Stopp and Go-Übung bei Ejaculatio Praecox) mit den fokussierten Sensualitätsübungen. Die Erfahrung zeigt, dass dieses körperliche Miteinander Sprechen - ohne die Ziele Erregung und Orgasmus - in der Regel eine Entlastung des belasteten Paares erwirkt. Gefühle wie Geborgenheit, Nähe und Angenommen-Sein werden ermöglicht, auch wenn andere Konflikte oder sexuelle Störungen noch nicht gelöst sind. Zudem sind Paare des 21. Jahrhunderts in den meisten Fällen durch die modernen Arbeitsbedingungen wie räumliche und zeitliche Flexibilität und die ständige Verfügbarkeit über die neuen Medien zusätzlich belastet. Die Übungen von Masters und Johnson sind aktueller denn je.

Außerdem lässt sich Singers Idee, mit dem Paar neue erotische Szenarien zu entwickeln, wunderbar psychodramatisch umsetzen. In der Psychodrama-Sexualtherapie kann das Paar alles durchspielen, indem es z.B. in die Rolle der Haut oder der Geschlechtsorgane schlüpft und die Empfindungen, positive wie negative, durchgeht. Sehr effizient ist hier auch der Rollentausch, bei dem der Mann z.B. in die Rollen der Brüste , der Haut oder Vagina seiner Frau geht und die Frau in die Rollen der Haut, der Brustwarzen, des Penis ihres Mannes. So können Ängste und Fragen schon in der Sitzung bearbeitet werden und mit Unterstützung des Therapeuten/ der Therapeutin Ideen und Fantasien entwickelt und spielerisch ausprobiert werden.

Eine berühmte Schülerin von Helen Singer ist Ruth Westheimer.


Quellen:

Helen Singer Kaplan: „Sexualtherapie bei Störungen des sexuellen Verlangens.“

http://sexual-communication.wikispaces.com/Kaplan%E2%80%99s+Triphasic+Model


Buchtitel H. Singer Kaplan:

"New Sex Therapy: Active Treatment of Sexual Dysfunctions" (Random House, 1974), "Disorders of Sexual Desires and Other New Concepts and Techniques in Sex Therapy" (Brunner-Mazel, 1979), "The Evaluation of Sexual Disorders: Psychological and Medical Aspects" (Brunner, 1983), "The Illustrated Manual of Sex Therapy" (Brunner; 2d ed., 1987), "How to Overcome Premature Ejaculation" (Brunner, 1989), and, with Donald F. Klein, "Sexual Aversion, Sexual Phobias and Panic Disorder" (Brunner, 1987).

 

Photo: Helen Singer Kaplan (Associated Press, 1965)

 

AutorIn: 

Sabine Kistler, Mag.

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