Rezension: Der erotische Raum

Der erotische Raum. Fragen der weiblichen Sexualität in der Therapie

Angelika Eck (Hrsg.) Carl-Auer Verlag. Systemische Therapie. (Heidelberg) 2016, 240 Seiten; ISBN 978-3-8497-0096-6

Die Rezension Der erotische Raum als pdf.

Erklärtes Anliegen der Herausgeberin ist es, Sexualtherapeuten_innen, Psychotherapeuten_innen sowie systemische Berater_innen dafür zu erwärmen, ihre therapeutischen Räume für Fragen zur weiblichen Sexualität zu öffnen und die Problematik in wertschätzender Weise aktiver aufzugreifen.

Bild: Buchcover, Erotischer Raum, Auer VerlagViele Frauen würden sich wünschen, so der Tenor des Buches, Anschluss an ihre ganz individuelle Erotik zu finden. Jedoch sei der Zugang bisher für sie noch schwierig weil das Thema Sexualität auch in diesem Setting vielfach nur sehr oberflächlich berührt wird.

Die fundierten Buchbeiträge wurden von erfahrenen Kollegen_innen aus unterschiedlichen fachlichen Disziplinen und therapeutischen Schulen verfasst. Die systemisch sexualtherapeutische Sicht überwiegt (S. 26).

Erster Teil

Der erste Teil des Buches nimmt die sexuelle Lustlosigkeit von Frauen in Augenschein. Er lockt „vom Nein zum Ja – [über] selbstbestimmte Auswege aus der Paradoxie des Wollenwollens und anderen erotischen Lebenslagen“, lässt erotische Spiel-Räume entstehen. Die Herausgeberin spricht sich für eine durchgängig ressourcenorientierte Perspektive (S. 27) auf Symptome aus.

Die Einleitung rahmt das Buch mit der Dialektik weiblichen Begehrens (S. 13ff) und thematisiert, welche Tabus aus der Emanzipationsbewegung für die Sexualität der Frau hervorgingen. Es wird Kritik (S. 21ff) an der symptomorientierten Trennung des Problems von seinen Kontexten geübt, denn dadurch würde Sexualtherapie zu früh aufhören und zu geringe Ziele gesetzt werden. Die Herausgeberin erläutert ihr Konzept des erotischen Raumes, das in vielfältiger Weise in den 11 folgenden Kapiteln aufgegriffen wird. Hervorgehoben wird, dass „Lustlosigkeit als Problem oder Mangel meistens im Zusammenhang mit einem diesbezüglichen Paarkonflikt, d.h. in einem sozialen System, das Realitäten kommunikativ aushandeln muss“, (S. 22) deutlich wird.

Im 1. Kapitel beschreibt Ulrich Clement, wie Lustlosigkeit als Kompetenz begriffen werden kann, um sexuelle Hemmung als Ressource zu verstehen, damit sich Frauen ihre Autorinnenschaft für selbstbestimmte Sexualität wieder zurückerobern und einen Sex (mit-) gestalten, der es wert ist, gewollt zu werden. Er plädiert dafür, den therapeutischen Blick nicht länger auf das Nichtkönnen zu lenken, sondern auf das Nichtwollen, genauer gesagt das So-nicht-Wollen.

Im 2. Kapitel stellt Diana Ecker die „innere lustvolle Frau“ als sexualtherapeutische Intervention vor. Sie hält kreative Methoden besonders deshalb geeignet, da das sexuelle Selbstverständnis von Frauen oft nur in Teilen bewusst ist (S. 58). Die Autorin beschreibt, wie das vorerst imaginierte, im Körper verortete und später symbolisch gestaltete Bild dieses lustvollen Anteils, während des gesamten Therapieverlaufs als Bezugspunkt dient.

Im 3. Kapitel stellt Elsbeth Frauenfeld einen erfahrungsgeleiteten, in ihrer therapeutischen Arbeit entstandenen Behandlungsansatz vor. Sie arbeitet Bedingungen heraus, die Frauen das selbstbestimmte Verfügen über den eigenen inneren Raum ermöglichen und ihrer Ansicht nach die Basis für lustvoll gelebte Sexualität bilden. Die sogenannten Funktionsstörungen sieht die Autorin für Frauen als „das letzte Mittel zur Bewahrung der Autonomie und des eigenen Raumes sowie als Verweigerung des angepassten Funktionierens und Zur-Verfügung-Stehens“ (S. 75).

In Kapitel 4 lesen wir einen Artikel der kanadischen Sexualwissenschaftlerin und Psychotherapeutin Peggy Kleinplatz aus dem Jahr 1998, übersetzt von der Herausgeberin, über Sexualtherapie bei Vaginismus. Die Autorin übt Kritik an konventioneller Sexualtherapie bei Vaginismus und stellt anhand eines Fallbeispiels ein humanistisch-erlebnisorientiertes Behandlungsmodell dar.

In Kapitel 5 lädt die Herausgeberin Angelika Eck dazu ein, den Raum der sexuellen Fantasien als Landkarte der weiblichen Erotik und Lust zu betreten. Protagonistinnen sind Frauen mit „Minussymptomen“, also Frauen, die an einem Zuwenig (Lust, Fantasien) leiden, und Frauen mit „Plussymptomen“, die am Zuviel leiden, da sie ihre Fantasien als Belastung (Fixierung, Angewiesensein) empfinden. Sie beschreibt, wie sexuelle Fantasien dafür genutzt werden können, Entwicklungsprozesse und Phasenübergänge in der Therapie zu gestalten, indem mit ihrer Hilfe Ambivalenzen, wesentliche emotionale Bedürfnisse, Überlebensstrategien, innere Konflikte und deren bisherige Lösungsstrategien sichtbar gemacht werden.

Zweiter Teil

Der zweite Teil des Buches nimmt den Körper in den Fokus und thematisiert „die Beziehung zum eigenen Geschlecht, den sexuellen und den reproduktiven Funktionen“ und welche Wechselwirkung durch diese Beziehung zur eigenen Lust entsteht.

In Kapitel 6 greift Angelika Beck die Frage auf, mit welchen (zum großen Teil unangemessenen) Bildern vom eigenen Geschlecht Mädchen und Frauen in unterschiedlichen Kontexten – sprachlich, medial und mit besonderer Berücksichtigung des schulischen Biologieunterrichts – sozialisiert werden. Die Autorin stellt Möglichkeiten vor, wie eine lustfreundliche Annäherung an den „Ort zwischen den Beinen“ ermöglicht werden kann, um Mädchen und Frauen zu ermutigen, ein eigenständiges sexuelles Profil zu entwickeln. Je vielfältiger das Wissen von Mädchen und Frauen über ihre eigene Anatomie ist, desto mehr haben sie die Möglichkeit, ihren Partnern zu verdeutlichen, dass „sie keine Waschmaschine sind, an der man nur den Knopf finden müsste, um sie in Schwingungen zu versetzen, damit sie »von Natur aus zum Penis passen«“. (S. 140)

Im 7. Kapitel findet von Aglaja Stirn und Carina Pika eine Auseinandersetzung mit Schönheitsidealen und der Sehnsucht nach dem perfekten Körper statt. Die Autorinnen sprechen sich dafür aus, dass Sexualtherapie immer das Körperbild von Klientinnen berücksichtigen und gegebenenfalls auch zum Thema machen muss (S. 164). Sie schildern Prozesse der Körperbildarbeit und Rekonstruktionen des eigenen Körper- und Schönheitsbildes.

In Kapitel 8 werden von Dania Schiftan frühkindliche Sexualisierungsprozesse beschrieben. Sie differenziert Erregungstypen aus und beschreibt Zusammenhänge/Lernschritte im Bezug auf erfüllte Sexualität. Die Autorin bezieht sich auf das sexocorporelle Therapiemodell, das besonderen Wert darauf legt, das sexuelle Genießen gezielt zu fördern, indem es die eigenen körperlichen Erregungstechniken exploriert und schrittweise erweitert. Besonders entlastend ist ihre Feststellung, „dass Lust und eine erfüllte Sexualität nicht vom Himmel fallen, aber für jede Frau [und sicher auch für jeden Mann] erlernbar sind“ (S. 178).

Auch in Kapitel 9 greift Karoline Bischof auf den sexocorporellen Ansatz der Sexualtherapie zurück, der einen anschaulichen und unmittelbaren Bezug zum Körper herstellt. Die Autorin schreibt über die „Lust auf Sex durch Lust am Sex“. Sie nimmt Bezug auf den Begriff „sex worth wanting“, den Sex, der es wert ist gewollt zu werden. Die Autorin stellt unmittelbare Körperbezüge her und beschreibt anschaulich die Neurophysiologie der Erregung.

In Kapitel 10 widmet sich Johannes Bitzer aus gynäkologischer Sicht dem Thema Sexualität und Verhütung, und beschreibt Prozesse zwischen Befreiung und Entfremdung. Sein Fazit lautet, dass Frauen auch im Bereich der Gynäkologie mit sexuellen Schwierigkeiten bei der Konzeption der idealen Verhütungsmethode oft alleingelassen würden und er setzt sich für eine individualisierte Hilfe für Frauen ein.

Den Abschluss mit Kapitel 11 bildet Sibil Tschudin, welche die Frage analysiert, wie Frauen in der Zeit der Schwangerschaft und der frühen Mutterschaft mit ihrer Sexualität umgehen, welche Konfliktfelder sich dabei auftun, und was ihnen dabei helfen kann, mit ihrer Lust in Kontakt zu kommen/bleiben. Die Autorin ist in ihrer gynäkologischen Praxis vielfach die erste Anlaufstelle für diese Fragen.

Fazit

Ein vielperspektivisches, lesenswertes Buch, mit wertvollen Denkanstößen und praktischen Variationen für die sexual- und psychotherapeutische Praxis, ebenso wie für die Beratung. Der gewählte, interdisziplinäre Zugang unterstreicht die Notwendigkeit und den großen Nutzen der kollegialen Vernetzung und den fortwährenden Dialog von Experten_innen für die/in der täglichen Praxis.

Die fachliche – an einigen Stellen ob so manchen Fremdwortes fürs flüssige Lesen allzu wissenschaftliche – Sprache verdeutlicht, dass das Buch in erster Linie für den Fachdiskurs, weniger für die am Thema interessierte/betroffene Frau geschrieben ist. Ein Vorwissen über Begriffe/ Konzepte der systemischen Therapie/Beratung ist von Vorteil.

Die durchwegs nachvollziehbar beschriebenen Fallbeispiele stellen gelungene Therapieprozesse dar. Sie zeigen, dass bzw. wie es Frauen gelingen kann, herauszufinden, wofür ihr Symptom stellvertretend steht. Sie berichten von Frauen, die erforschen, ob ihre bisher gelebte Sexualität (noch) zu ihnen passt, ihren ganz persönlichen Vorstellungen, Vorlieben etc. von Lust und Erotik entspricht. Jedoch erscheint die Verfrühung zur kritisierten Oberflächlichkeit und schnellen Lösungen (S. 21ff) in diesem Zusammenhang gegeben. Manche komprimierte Fall-Darstellung vermittelt eine Geradlinigkeit im Prozess und weniger die Komplexität, den Leidensdruck, ursächliche Kränkungen und die Ver(w)irrungen der Patientinnen. Es darf nicht außer Acht gelassen werden, dass es sich bei Störungen der Sexualität um sehr frühe, tiefgreifende Schädigungen in der psychosexuellen Entwicklung handelt. Diesem Umstand muss in jeglichen Prozessen Be-Achtung geschenkt werden.

Von der Herausgeberin wurde betont, dass Lustlosigkeit als Problem oder Mangel meistens im Zusammenhang mit einem Paarkonflikt auftritt. Hier könnte ein Hinweis über die Beziehungsdynamik des Herkunftssystems zur Kontextualisierung hilfreich sein. Ebenso könnte die eine oder andere Bezugnahme auf bzw. (Fall-) Darstellung von Paare_n sowie Sexualität von Frauen, die in gleichgeschlechtliche Beziehungen lieben und leben, das Bild vervollständigen.

Die Eingrenzung des (umfangreichen) Themas und der Zielgruppe gibt klar den Fokus vor und erscheint durchaus legitim. Die Herausforderung der thematischen Verdichtung der jeweils gewählten Fragestellung wurde in allen Beiträgen gut umgesetzt und die Neugier aufs selbständige Vertiefen geweckt. Störend wurde es dann erlebt, wo auf durchgeführte Methoden/Übungen lediglich verwiesen und auf deren Darstellung (Ablauf/Bilder) verzichtet wurde (S. 115; S.179f). Unpassend gewählt erscheint die Grafik des Buches, – auch wenn sie sehr ästhetisch wirkt und zum Betrachten einlädt – denn sie manifestiert das kollektive Bild der Frau als (passives) Lustobjekt, und weniger als „Subjekt“, als Regisseurin ihrer eigenen Sexualität, für das dieses Buch plädiert. Es unterstreicht, dass (aktive) Lust auf Sex nach wie vor den Männern vorbehalten zu sein scheint. Ebenso wird die Durchgängigkeit einer gendergerechten Sprache vermisst.

Die Tatsache, dass durch das Vermeiden/Ausblenden/nicht Aufgreifen des Themas der Sexualität in therapeutischen Prozessen gesprächsbereite Frauen (ebenso wie Männer) einmal mehr (emotional) unbefriedigt sich selbst überlassen, alleingelassen werden, unterstreicht die Relevanz des Anliegens.

Mag.a Daniela Trattnigg, MSc  - im Mai 2016

 


Zur Autorin der Rezension

Trattnigg Daniela, geb. 1974, Mag.a, MSc, Psychodrama Psychotherapeutin (ÖAGG), Sexualtherapeutin (ÖAGG) und Supervisorin (ÖVS; ÖAGG), Theaterpädagogin (AGB), Schauspielerin/ Performerin, Obfrau des Vereines Alegria – Theater der Unterdrückten Kärnten, Seminar(beg)leiterin, Trainerin, Lebenslustköchin. Tätig in freier Praxis FREI_RAUM in Klagenfurt am Wörthersee. Praxis FREI_RAUM Mozartstraßs 54, 9020 Klagenfurt am Wörthersee, Kärnten, Österreich. Kontakt: daniela.trattnigg@gmx.at

 

Unterstützt von Kollegen_innen des Netzwerkes www.liebesexundtherapie.at

Interview zum Bucherscheinen: Ulrich Clement & Auer Verlag

 

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AutorIn: 

Mag. Daniela Trattnig, MSc

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