Vom Sinn des Sinnlichen in der Psychotherapie

Wenn wir vom Sinn sprechen, dann interessieren uns in der Psychotherapie Fragen wie „Was hat Bedeutung für mich? Wofür lohnt es sich zu leben?“.  Wir können darüber reflektieren, was bereits im Leben Sinn gemacht hat, was vielleicht sogar überlebensnotwendig war, und was wir uns zukünftig wünschen -  was für uns eben Sinn macht: in der Liebe, in Beziehungen mit Menschen um uns, im Beruf, im Spirituellen, ... Meist machen wir uns dazu viele Gedanken und Überlegungen. Das Wissen um Ursachen alleine führt jedoch selten zu einem sinnerfüllteren Leben und Handeln.

Bild: Fussabdruecke im Sand und eine sich brechende Welle am MeerSprechen wir von Sinnlichkeit in der Psychotherapie, dann geht es um ganzkörperliche Wahrnehmungen: Wir Menschen erfahren sie über unsere Sinne, wir hören, tasten, schmecken, riechen, sehen. Die generierten Reize werden in den entsprechenden Gehirnstrukturen verarbeitet. Damit einhergehende Gefühle und Emotionen können angenehm sein wie Freude, Hoffnung, Liebe oder unangenehm bzw. überfordernd sein wie Angst, Trauer, Ärger, Ekel, Scham –  je nachdem, wie unser Gehirn die Sinnesreize interpretiert. Das hängt von unserer Biografie und unseren Lebens- und Bindungserfahrungen ab.

Sinneseindrücke und die damit verbundenen Gefühle finden immer einen körperlichen Ausdruck. Körperliches Wohlbefinden und Entspannung können z.B. durch den Geruch eines geliebten Menschen entstehen. Manche Sinneserfahrungen wiederum erinnern uns an unangenehme Erlebnisse und Erfahrungen oder sogar an traumatische Erlebnisse. Sie können unsere Handlungsfähigkeit einschränken und uns in Stress versetzen, wenn wir beispielsweise beim Anblick eines ehemaligen Partners/Partnerin einen Kloß im Hals bekommen und nicht mehr sprechen können oder wenn wir uns beim Sex in irgendeiner Art und Weise überfordert fühlen.

Erlebt ein Mensch von früh an Berührung und körperliche Nähe als angenehm und wohltuend, so wird das sein/ihr Erleben auf eine positive Art und Weise prägen. Menschen, die wenig Geborgenheit und Körperkontakt in ihrer Kindheit erfahren, kann es passieren, dass sie Berührung als eher unangenehm und stressig erleben, obwohl sie sich so danach sehnen. Daher ist der sinnliche Aspekt des Erlebens in der Psychotherapie, in Sexualtherapie und in der Paartherapie so wesentlich. Denn er prägt uns von Geburt an, wie wir die Welt um ums erleben und bewerten und auch, was wir als sinnvoll erachten.

Wenn wir uns das immer wieder im Alltag bewusst machen und uns ausreichend Zeit und Raum geben, achtsam mit unseren Sinneseindrücken und unserem Körper zu sein, dann fällt es in der Regel wesentlich leichter, zwischen sinnvoll und sinnlos zu entscheiden. Wir stärken unsere Widerstandskraft, in dem wir die Sinneserfahrungen und körperlichen Empfindungen, die wir in beglückenden– „sinnvollen“ - Momenten erfahren, uns bewusst machen, sie richtig auskosten und genießen. Und nicht endlos uns theoretisch damit beschäftigen, was denn sinnvoll sei.  Denn das führt selten zu einer wirklichen Verbesserung unserer Lebensqualität.

Autorin: Dr. Monika Bachler, Psychotherapeutin, www.monikabachler.at

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