Pornografie und psychosexuelle Entwicklung im gesellschaftlichen Kontext

Inhaltsbeschreibung: 

Das Buch von Alexander Korte, einem Kinder- und Jugendpsychiater, der an der Ludwig-Maximilians-Universität München als Leitender Oberarzt arbeitet, versucht die Auswirkungen von Pornografie auf die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen wissenschaftlich zu überprüfen. Mit den vorhandenen empirischen Befunden, die natürlich aufgrund der ethischen Schwierigkeit, Kinder und Jugendliche zu diesem Thema zu befragen und zu testen, begrenzt sind. Erst kürzlich stellte er in einem Interview die signifikante Vermehrung der Zahl von Kindern, die sich Transgender fühlen, vor (Spiegel, 18.1.2019). 

Es werden beginnend mit einem Abriss der Entwicklung der Pornografie über die Jahrtausende die verschiedenen Erscheinungsformen der Pornografie vorgestellt und vor Dramatisierungen gewarnt. Dabei erscheint das Datenmaterial eher alt (Nullerjahre und Beginn der Zehnerjahre) aus dem sich diese Befunde speisen.

Das Fazit diesen Buches ist, dass zwischen Gewaltpornos und normalen Pornos unterschieden werden sollte, zweitere werden als eher unproblematisch eingeschätzt, erstere als Bestandteil einer zunehmenden Verrohung, die der Autor allgemein im Umgang miteinander feststellt. Er stellt die Pornografie auch in einen Zusammenhang mit den Strukturen der modernen Marktwirtschaft, in der alles zu kaufen ist und einen bloßen Warenwert anzunehmen droht. Der Rückgang an Fähigkeit positive Bindungserfahrungen zu machen wegen der Dauerberieselung mit Konsumgütern (wie Instagram, Whatsapp, Pornos, Serien) und -versprechungen (Sendungen wie Germany´s next Topmodel mit der Botschaft, wenn du so aussiehst wirst du erfolgreich), zeigt sich in den Pornos und sowie bei der Nutzung der Pornos auch gespiegelt. Was sich deutlich vermittelt, ist, dass Kinder und Jugendliche ohne gute familiäre Rahmenbedingungen sich sehr schwer tun werden sich diesen Gefährdungen adäquat zu stellen. Das bedingt, dass sexualpädagogische Maßnahmen, die ja konservative Kreise der Gesellschaft nicht befürworten, dringend notwendig wären und in jungem Alter beginnen müssten.

Kritik: Dieses Buch ist sehr wichtig, da es die Herausforderung aufnimmt, sich um Evidenz zu bemühen. Der begrenzte Gewinn dabei ist nicht dem Autor zuzuschreiben, sondern schlicht und einfach den schweren Bedingungen bei der Erforschung des Themas: den ethischen Faktoren, die Untersuchung von Kindern und Jugendlichen begrenzen. Es scheint auch aus Sicht des Rezensenten so zu sein, dass jedes Jahr weitere Veränderungen in der Sicht auf das Thema bringen wird, da die ersten Generationen erwachsen sind, die von Anbeginn ihres Lebens mit Internet aufgewachsen sind. Die Untersuchung von jungen Erwachsenen wird daher in der Zwischenzeit auch in entsprechenend Forschungsdesigns machbar.

Somit bleibt es uns Praktikern und Praktikerinnen nicht erspart in unserer Arbeit und bei öffentlichen Aufritten auf die Gefahren hinzuweisen, die ungehinderter Pornokonsum für KInder und Jugendliche bedeuten kann. Dies sollte in eher nicht allzu alarmistischer Weise geschehen. Aber deutlich genug ist auf die große Verantwortung von Eltern, Erziehungseinrichtungen, Politik hinzuweisen. Gutes sexualpädagogisches Material ist möglichst bald Kindern zur Verfügung zu stellen. Denn: Es braucht aufgeklärte Eltern, Kinder und eine Gesellschaft, die Verantwortung übernimmt.

Resume: Ein Buch für ExpertInnen, dem ich trotzdem viele Leser und Leserinnen wünsche. Dem Autor ist für seine Arbeit zu danken. Er hat das Thema sehr intensiv beforscht und keine Mühen gescheut.

Wolfgang Hofer

AutorIn: 
Dr. Korte ist Kinder- und Jugendpsychiater, Leitender Oberarzt an der Klink für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Ludwig-Maximilians-Universität München, Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Sexualmedizin
Lesewert: 
Sehr hoch für ExpertInnen und interessierte Eltern, sowie mit der Materie befassten Menschen, vor allem auch Entscheidungsträgern im pädagogischen Bereich.
Rezensorin: 

Wolfgang Hofer, Leiter der Weiterbildung Paar- und Sexualtherapie, Lehrtherapeut,-supervisor für Psychodrama DUK sowie ÖAGG, Psychotherapeut in Linz mit Schwerpunkten Paar- und Sexualtherapie

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