Rezension: Liebe und wie sich Leidenschaft...

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Viel Vergnügen mit den bisher erschienenen Buchbesprechungen der Plattform liebesexundtherapie.at. Den Anfang macht Mag. Gilbert Suchanek, er ist als Psychotherapeut (Psychodrama) und Klinischer und Gesundheits-Psychologe in freier Praxis in Klagenfurt tätig.

 

Die Liebe und wie sich Leidenschaft erklärt

Eine Rezension von Gilbert Suchanek

Bild vom Buchcover: Die Liebe...Sehr schön, wieder ein Autor, der versucht, mit Hilfe der modernen Neurowissenschaften  wichtige Facetten unseres Mensch- Seins zu erklären. Nun sind Liebe und Leidenschaft  dran, na gut...Ich bin mittlerweile schon ein bissl skeptisch geworden, wenn anhand von ganz viel „Hirnchemie“ (Dopamin, Oxytoxin, etc.) und vielen bunten Bilder von „Hirnaktivitäten“ suggeriert wird, dass damit psychologische Vorgänge, wie z.B. das Geheimnis des bewussten Erlebens, oder das Empfinden von Liebe und Glück restlos aufgeklärt werden können.

Bas Kast schafft es aber tatsächlich, die LeserInnen mit viel Humor und Selbstironie in die Labors der modernen Beziehungsforscher zu entführen und mit seinen Geschichten das Feuer von Neugierde und Interesse zu wecken

Nach einer kurzen Einführung in die Neurochemie der Liebe, bzw. der heilenden Kraft der schönen Gefühle  wird gleich mal vorweggenommen, dass verheiratete (in längeren Partnerschaften lebende) Menschen sich selbst generell als glücklicher und mit dem Sex zufriedener einschätzen als Singles .

Im ersten Kapitel widmet sich Kast dem Flirten und Anbahnen von Beziehungen (Psychodrama- Jargon : „Anwärmphase“).

Unzählige Flirt- Studien, die den Schluss nahelegen: „Es kommt nicht darauf an, möglichst interessant zu sein, sondern möglichst interessiert zu sein.“ Wahrhaftige Begegnung statt Ego- Pflege ist also angesagt und wird auch noch belohnt-Bravo!

Im Buch werden Bausteine aus der  Beziehungsforschung interdisziplinär mit Erkenntnissen aus der Evolutionsbiologie, bzw. Anthropologie verknüpft, immer in kritischem Ton und mit der Lust an der Entdeckung am Neuen, bzw. am Aufwerfen neuer Fragezeichen. Sehr sympathisch!

Interessant, im 2. Kapitel lerne ich, dass es so etwas gibt wie „Attraktivitätsforschung“. Was macht „Schönheit“ aus? Wie entsteht das Erleben von „Schön“, bzw. „ Weniger Schön“... Übrigens:  Männer bevorzugen tendenziell Frauen, die in ihrem Äußeren möglichst nahe am „typischen Frauenbild“ sind ( „Östrogene sind sexy“ S 92), während Frauen tendenziell Männer bevorzugen, die eine gute Melange zwischen „Typisch Männlich“ und Familienmensch darstellen („Supermachos sind also nicht gefragt“ S 97). Zwischendurch werden auch bei diesem Thema große Persönlichkeiten zitiert, z.B. Aristoteles („Schönheit ist besser als jeder Empfehlungsbrief“), Sappho, die griechische Dichterin auf Lesbos „wer schön ist, ist auch gut“, etc.

Besonders faszinierend: Untersuchungen über die Fähigkeit des Menschen, den „geeigneten“ Partner über (unbewusst wahrgenommene) Duftsignale zu erkennen.  Im Vorfeld der bewussten Wahrnehmung von Anziehung und Abstoßung gibt es offenbar bereits eine Vielzahl von inneren Abstimmungsprozessen, welche die äußeren Körpermerkmale (Symmetrie der Gesichtszüge), die Körperchemie (z.B. Testosteronkonzentration),  Körperausdünstungen Duftstoffe), die genetische Ausstattung, sowie die Immunkraft (als Gradmesser von Vitalität) mit einschließen.

Im Kapitel 3 und 4 geht es um die Frage, wie sich aus purer Leidenschaft auch richtige „Liebe“ entwickeln kann, sowie um das Phänomen „Eifersucht“ .

Zunächst werden die 5 Traumeigenschaften genannt, die sich als universelle (quer über alle Kontinente) Qualitäten von Wunsch- Partnern herausgestellt haben: Gegenseitige Anziehung und Liebe, Zuverlässigkeit, emotionale Stabilität, ein angenehmes Wesen und Intelligenz.

Und natürlich die Zutaten für eine langfristig gelingende Partnerschaft (2 Prinzipien):

Nämlich 1) „Gegensätze ziehen sich an“- dies gilt für die Entstehung und Aufrechterhaltung von Leidenschaft und Neugierde (und im Falle von geplantem Nachwuchs wohl auch für die Optimierung des Gen- Pools). Aber eben auch 2) „Gleich und Gleich gesellt sich gern“: Partner in langfristig glücklichen Beziehungen zeichnen nicht nur gemeinsame Interessen, sondern Ähnlichkeiten in Punkto Charaktereigenschaften, Neigungen, Werte, etc. aus...

Dazu ein schönes Zitat von Nietzsche: „ Es ist immer etwas Wahnsinn in der Liebe- es ist aber immer auch etwas Vernunft im Wahnsinn“ (und vielleicht trifft das auch auf die „Liebesforschung“ zuJ).

Zum Thema Eifersucht gibt es zunächst eine Annäherung über die Evolutionsbiologie: Männer tendieren bekanntlich viel häufiger zum Seitensprung, weil eine weite Streuung des Erbmaterials immer wichtig für das Überleben der eigenen Sippe war...(na gut, das wirft dann halt Fragen auf im 21. Jhdt.). Tatsache ist, dass es  in ungefähr der Hälfte aller Ehen Seitensprünge gibt, von Frauen ebenso (vor allem rund um die fruchtbaren Tage!!) und nur geringfügig häufig von Männern...

Tja und dann wäre da noch die ausführliche Schilderung der Forschungen im „Liebeslabor“ des amerikanischen Psychologen John Gottman. Berühmt sind dessen Thesen zu den „Untergangsvorboten“ von bevorstehenden Trennungen- er nannte diese „Die 5 Apokalyptischen Reiter“:

  • Verteidigung
  • Zuwendung und Unterstützung
  • Wir- Gefühl
  • Positive Illusionen
  • Aufregung im Alltag

Beim ersten Durchlesen der hier aufgelisteten angeblichen „Perlen der Liebesforschung“ fand ich die Erläuterungen (vor allem angesichts der im Vorfeld  geschilderten höchst beeindruckenden Befunde) allerdings etwas banal. Bei genauerer Selbstreflexion und Betrachtung des eigenen (oft sehr durch Banalitäten durchsetzten) Alltages fand ich dann aber doch, dass auch dieses abschließende  Kapitel sehr viel Beachtenswertes und vielleicht sogar ein bisschen „Weisheit“ beinhaltet.

Insgesamt kann ich dieses Buch also wärmstens zur Lektüre empfehlen, nicht nur zu Studienzwecken, sondern auch für den eigenen, vielleicht manchmal etwas verwirrenden Beziehungsalltag.

Gilbert Suchanek

AutorIn: 

Mag. Gilbert Suchanek